Bericht Marburger Studierender zur AFK-Tagung 2016

Workshop zu Normativität und Wissenschaft

Debatten zur politischen Wirksamkeit der Friedens- und Konfliktforschung

Im Workshop „Normativität und Wissenschaft: Debatten zur politischen Wirksamkeit der Friedens- und Konfliktforschung“ wurde angeregt und kontrovers über den Einfluss und die Verantwortung von Wissenschaftler*innen der Friedens- und Konfliktforschung auf politische Debatten diskutiert. Den Großteil der Teilnehmer*innen bildeten Studierende aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.

Zunächst wurden in einem kurzen Input verschiedene Positionen von Wissenschaftler*innen zu der Frage vorgestellt, ob die Friedens- und Konfliktforschung eine Wissenschaft für den Frieden sein sollte – also Friedensförderung als ein explizites normatives Programm verfolgen sollte – oder demgegenüber eine Wissenschaft über den Frieden, in der die Analyse von Konflikten klar von einer normativen Grundausrichtung getrennt wird, um eine möglichst große Objektivität der Forschung zu sichern.

Die Teilnehmer*innen bildeten sich anschließend innerhalb eines „argumentativen Vierecks“, in dem sie sich zwischen vier verschiedenen Thesen positionieren konnten, ihre eigene Meinung und starteten eine Diskussion.

Die meisten Teilnehmer*innen verteidigten dabei die Ansicht, dass die Friedens- und Konfliktforschung einen normativen Anspruch als eine Wissenschaft für den Frieden vertreten sollte, während einige die grundsätzliche Annahme bestärkten, dass jegliche Form von gesellschaftswissenschaftlicher Analyse immer implizit einem normativen Programm folge. Demgegenüber unterstützten nur wenige Personen das Argument, Wissenschaftler*innen sollten von Fall zu Fall entscheiden, ob sie sich zu spezifischen politischen Fragestellungen äußerten. Nur sehr vereinzelt wurden Argumente laut, dass eine normative Ausrichtung der Forschung und die Einmischung in politische Debatten der Neutralität und Unabhängigkeit der Wissenschaftlichkeit schaden könnte.

Während also fast alle Beteiligten auf der abstrakten Ebene die Friedens- und Konfliktforschung als eine Wissenschaft mit normativer Ausrichtung verstanden, wurde die Diskussion in Anwendung auf ein Fallbeispiel kontroverser. Dazu wurde die Stellungnahme der Fachschaften der Friedens- und Konfliktforschung gegen einen überstürzten Einsatz der Bundeswehr in Syrien herangezogen.

Auch wenn die Stellungnahme grundsätzlich viel Unterstützung erfuhr, wurden auch einige Kritikpunkte deutlich und verschiedene Fragen aufgeworfen wie z.B.: Welches Recht haben Wissenschaftler*innen und Studierende, sich in einem bestimmten Gebiet als Expert*innen auszugeben? Wie kann darauf reagiert werden, wenn politisch rechte Think-tanks ihre Meinungen als vermeintliche „wissenschaftliche Expertise“ in politische Debatten einbringen? Wie kann der Prozess der Erstellung politischer Statements demokratischer gestaltet werden? Welche Wirksamkeit hatte das Statement der Fachschaften?

Auch in der abschließenden Fish-Bowl-Diskussion hielt sich jedoch zu großen Teilen der Konsens, dass Wissenschaftler*innen der Friedens- und Konfliktforschung „dem Frieden dienen“ sollten, u.a. in dem sie sich dafür einsetzen könnten, dass militärische Entscheidungen nicht ohne breite gesellschaftliche Debatten über ihre Legitimität durchgeführt würden oder auch dadurch, dass sie Ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse an aktuelle politische Debatten zurückbinden.